Gnosis

Im Laufe der Geschichte ist den Katharern Ähnlichkeit mit dem Gnostizismus nachgesagt worden, teilweise sogar völlige Übereinstimmung. In einer recht gelungenen TV-Produktion über Gnostizismus ist die Gnosis kurz und prägnant als "Jenseits der Welt des Bösen das Gute suchend" beschrieben worden. Diese Glaubensrichtung oder Philosophie, deren Geschichte viel älter als die des Christentums ist, sieht wie die Katharer die Welt als materielle Schöpfung, böse und vom göttlichen Prinzip verlassen an. Die strengste Form der dualistischen Gnosis, der Manichäismus, stiftete sogar eine eigene Kirche, die sich allerdings im Dunkel der Geschichte verliert. Die Gnosis liefert eine Erklärung dafür ab, woher das Böse kommt, was diese Lehre für Intellektuelle aller Zeiten attraktiv machte. Das katholische Christentum nimmt die Existenz des Bösen zwar ernst, klärt aber nicht ihren Ursprung. Die Unterschiede zu den Katharern als christlicher Religion liegen darin, dass sich der Gnostizismus zu einer Art Universalreligion, die die Lehren Zarathustras, das Christentums und den Buddhismus' vereinigt, entwickelte und keinen Erlöser (Christus) braucht. Die Erlösung des Menschen liegt in der Erkenntnis der göttlichen Wahrheiten und geschieht dadurch gleichsam "automatisch". Der Katholizismus bildete sich in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten auch in Konkurrenz zu diesen Anschauungen.

Man kann überspitzt formulieren, daß Christen die Welt als Aufgabe betrachten, Gnostiker dagegen die Welt als aufgegeben. In einer apokryphen Schrift der Antike findet sich folgender Abschnitt über den Schöpfer der guten, nichtmateriellen Welt:

„Dieser ist das unermessliche Licht, die heilige, lautere Reinheit, der Unbeschreibliche, Vollkommene, Unvergängliche ... Überhaupt ist es nicht möglich, dass irgendjemand ihn begreift. Er ist nichts von den Existierenden, sondern ist eine Sache, die vorzüglich ist. Nicht, als ob er an sich vorzüglich wäre, sondern das, was sein Wesen ausmacht, hatte keinen Anteil an den Äonen. Nicht existiert Zeit für ihn ... Es gibt niemanden vor ihm, denn er existiert, indem er nur nach sich selbst verlangt in der Vollendung des Lichtes, indem er begreift in dem lauteren Licht. Die unermessliche Größe, der Ewige, der Ewigkeitsspender, das Licht, der Lichtspender, das Leben, der Lebensspender ... Jener ist es, der uns das gesagt hat, er, der sich selbst begreift in seinem Licht, das ihn umgibt, der ja die Quelle des Lebenswassers ist, das Licht voll Reinheit, die Quelle des Geistes, die lebendiges Wasser gibt.“

Immerhin, und da treffen sich Gnostiker mit den Katharern, etwas von dem Lichtgott ist auch in dieser materiellen Schöpfung existent: ein wenig Licht ist auch in jedem Menschen in Form der Seele zu finden. Der Gnostizismus ist bis in unsere Tage in verschiedensten Formen existent, zum Beispiel gibt es eine gnostische Kirche in den USA. Wie groß die Angst der frühen Christen vor dem Gnostizismus war, sieht man an den zahlreichen überlieferten Abwehrversuchen. So soll das Johannisevangelium auch zur Widerlegung der christlichen Gnostiker dienen. Die Formulierungen dieses Evangeliums sind jedoch so nah "dran" an der Gnosis, dass es auch Theorien gibt, die das genaue Gegenteil behaupten.

Weitergeht es mit Bibelverständnis

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